Tiere

Warum haben Zebras Streifen? Die bekannteste Antwort stimmt nicht

Die Frage klingt nach Kinderbuch, und fast jeder kennt eine Antwort darauf: Tarnung. Im hohen Gras verschwimmen die Streifen, der Löwe sieht nur ein Flimmern.

Diese Antwort ist gemessen worden. Sie hält nicht.

Was stattdessen dahintersteckt, ist deutlich kurioser. Und der interessanteste Teil daran ist ausgerechnet der, den auch die Forschung noch nicht erklären kann.

Kurz erklärt: Die Tarnungserklärung gilt heute als sehr unwahrscheinlich: Löwen können Zebrastreifen erst auf 80 Meter überhaupt auflösen, Hyänen erst auf 48. Auf diese Entfernung haben sie das Zebra längst gerochen oder gehört. Die Erklärung mit der besten experimentellen Grundlage ist eine ganz andere: Streifen halten blutsaugende Bremsen ab. Das ist mit Pferdedecken und mit angemalten Kühen nachgewiesen. Warum es funktioniert, weiß allerdings niemand, und eine großangelegte Studie von 2015 kommt sogar zu einem ganz anderen Schluss.

Die beliebteste Antwort hält der Prüfung nicht stand

Ob Streifen tarnen, hängt an einer simplen Frage: Kann der Jäger sie überhaupt sehen?

Ein Team um Amanda Melin hat das 2016 in PLOS ONE durchgerechnet. Die Forschenden nahmen die bekannten Sehschärfen von Löwe, Tüpfelhyäne, Zebra und Mensch und bestimmten, ab welcher Entfernung die Streifen für das jeweilige Auge zu einer gleichmäßigen Fläche verschmelzen.

Bei Tageslicht ergab das:

Wer schautStreifen erkennbar bis
Mensch180 Meter
Zebra140 Meter
Löwe80 Meter
Tüpfelhyäne48 Meter

Der Mensch sieht die Streifen also mehr als doppelt so weit wie der Löwe. Das eigentliche Argument der Studie ist aber ein anderes: Auf den Entfernungen, auf denen ein Raubtier die Streifen endlich auflösen kann, hat es das Zebra ohnehin längst wahrgenommen, über Geruch oder Gehör. Eine Tarnwirkung bliebe damit ohne Funktion. Das Fazit der Arbeit lautet entsprechend, es erscheine “höchst unwahrscheinlich”, dass Streifen eine Form der Tarnung gegen Fressfeinde seien.

Dazu passt ein Befund aus einer großen Vergleichsstudie von 2014: Die Streifung zeigte keinen Zusammenhang damit, ob die Tiere in Waldgebieten leben oder in enger Nachbarschaft zu Löwen.

Was die Streifen fernhalten: Bremsen

Dieselbe Studie von 2014 ist der Ausgangspunkt für die heute am besten belegte Erklärung. Tim Caro und Kolleginnen und Kollegen verglichen in Nature Communications sieben Arten wildlebender Pferdeartiger und 23 Unterarten und prüften fünf Erklärungen gleichzeitig gegen Umweltdaten: Tarnung, Verwirrung von Jägern, soziale Erkennung, Wärmeregulierung und Insektenabwehr.

In dieser Untersuchung überlebte nur eine davon. Es gab deutliche Zusammenhänge zwischen der Streifung und dem Vorkommen blutsaugender Bremsen. Der Satz aus der Zusammenfassung: Für Tarnung, Feindvermeidung, Wärmehaushalt und soziale Funktionen gebe es “keine durchgängige Bestätigung”.

Ein Zusammenhang ist allerdings noch kein Nachweis. Den lieferte dieselbe Gruppe 2019 mit einem Aufbau, der fast zu simpel wirkt.

Sieben Pferde, drei Decken

Auf einem Hof in North Somerset in England beobachtete das Team drei Zebras und neun Pferde und filmte anfliegende Bremsen. Der entscheidende Teil: Sieben Pferde bekamen nacheinander drei Decken angezogen, jede für 30 Minuten, in zufälliger Reihenfolge. Eine schwarze, eine weiße und eine im Zebramuster.

Dasselbe Tier, derselbe Tag, dieselben Fliegen. Nur das Muster wechselte.

Auf der gestreiften Decke landeten drastisch weniger Bremsen als auf den einfarbigen. Und der Kopf der Pferde, der ja unbedeckt blieb, zeigte zwischen den Durchgängen keinen Unterschied. Es lag also am Muster und nicht am Pferd oder am Tag.

Zwei weitere Zahlen aus derselben Arbeit sind anschaulicher als jede Statistik. Eine Bremse blieb auf einem Zebra im Schnitt 1,2 Sekunden, auf einem Pferd 10,06 Sekunden. Und in 5,3 Stunden direkter Beobachtung kam es an Zebras zu keinem einzigen Einstich, während die Forschenden in 11 Stunden an Pferden 239 zählten.

Zur Ehrlichkeit gehört: Die 1,2 Sekunden beruhen auf nur fünf beobachteten Fällen, gegenüber 886 bei den Pferden. Die Richtung ist eindeutig, die exakte Zahl sollte man nicht überstrapazieren.

Die Videoaufnahmen, ausgewertet im 0,02-Sekunden-Takt, zeigten auch, woran es scheitert. Vor einem Pferd bremsen die Fliegen sauber ab. Vor einem Zebra tun sie das nicht. Sie fliegen schlicht dagegen.

Der Gegentest: angemalte Kühe

Wer Zebras mit Pferden vergleicht, vergleicht zwei verschiedene Tierarten. Eine japanische Arbeitsgruppe hat deshalb 2019 den saubersten denkbaren Test gemacht und Kühe angemalt.

Sechs Japanese-Black-Rinder auf einer Weide der Landwirtschaftlichen Forschungsanstalt Aichi, drei Durchgänge in einem lateinischen Quadrat: einmal mit schwarz-weißen Streifen bemalt, einmal nur mit schwarzen Streifen bemalt, einmal gar nicht.

Auf den gestreiften Kühen saßen etwa halb so viele blutsaugende Fliegen wie in den beiden anderen Durchgängen. Die Abwehrbewegungen pro halbe Stunde gingen von 53,0 ohne Bemalung und 54,4 bei reiner Schwarzbemalung auf 39,8 zurück.

Der nur schwarz bemalte Durchgang ist dabei der Clou: Er zeigt, dass es nicht an der Farbe liegt und nicht am Geruch der Farbe, sondern am Muster.

Und jetzt der Haken: niemand weiß, warum es funktioniert

Hier endet in fast allen Artikeln die Geschichte. Sie ist an dieser Stelle aber noch nicht zu Ende, und der Rest ist der eigentlich spannende Teil.

Die naheliegende Erklärung lautete: Streifen stören die Bewegungswahrnehmung des Insektenauges. In der Wahrnehmungsforschung heißt das zugrunde liegende Phänomen Aperturproblem, im Englischen aperture effect. Genau das prüfte dieselbe Gruppe im Juni 2018 an 22 Pferden, veröffentlicht 2020 in den Proceedings of the Royal Society B, mit fünf verschiedenen Decken: einfarbig schwarz, einfarbig grau, senkrechte Streifen, waagerechte Streifen und ein Schachbrettmuster.

Auf den einfarbigen Decken landeten zwei bis drei Bremsen pro Minute, auf allen gemusterten nur etwa 0,2. Aber: Zwischen den gemusterten Decken gab es keinen Unterschied. Das Schachbrett wirkte genauso gut wie die Streifen.

Damit war die eigene Erklärung erledigt. Die Autoren schreiben, die Befunde zwängen sie zu dem Schluss, dass Streifen die Landungen nicht über eine Störung des optischen Flusses verhindern.

Eine Arbeitsgruppe, die ihre eigene Lieblingserklärung öffentlich verwirft, ist nicht selbstverständlich. Für uns heißt das: Dass Streifen Bremsen abhalten, ist gut belegt. Warum, ist offen.

Die Studie, die allem widerspricht

Es gibt eine große Arbeit, die in den meisten populären Darstellungen fehlt, und sie kommt zu einem anderen Ergebnis als alles bisher Genannte.

Eine Gruppe um Brenda Larison von der University of California in Los Angeles untersuchte 2015 in Royal Society Open Science die Streifenmuster von Steppenzebras an 16 Standorten und prüfte sie gegen 29 Umweltvariablen. Ergebnis: kein Hinweis darauf, dass Streifen der Flucht vor Raubtieren oder der Abwehr von Bremsen dienen. Stattdessen sagten Temperaturvariablen einen erheblichen Teil der Musterunterschiede voraus, je nach Merkmal 30 bis 63 Prozent.

Der Titel der Arbeit bringt den Forschungsstand besser auf den Punkt als jede Zusammenfassung: “Wie das Zebra zu seinen Streifen kam: ein Problem mit zu vielen Lösungen.”

Caro und ein Kollege veröffentlichten dazu einen Kommentar, Larison und Kolleginnen antworteten darauf. Der Streit ist nicht entschieden.

Der ungelöste Streit um die Kühlung

Auch experimentell widersprechen sich zwei ernstzunehmende Studien direkt.

Eine ungarisch-schwedische Gruppe um Gábor Horváth füllte im Sommer 2017 sechs Metallfässer mit Wasser, überzog sie mit echten Rinder-, Pferde- und Zebrahäuten sowie mit künstlichen Mustern und maß über vier Monate hinweg die Kerntemperatur. Das 2018 in Scientific Reports veröffentlichte Ergebnis: keine nennenswerten Temperaturunterschiede zwischen gestreiften und grauen Fässern, auch an heißen Tagen nicht.

Alison und Stephen Cobb hatten bereits im Dezember 2003 in Kenia an zwei in Gefangenschaft lebenden Zebras die Oberflächentemperatur der Streifen gemessen und ihre Ergebnisse 2019 veröffentlicht. Sie fanden über die mittleren sieben Tagesstunden einen Unterschied von 12 bis 15 Grad zwischen schwarzen und weißen Streifen. Dazu beobachteten sie etwas, das ein Fass nicht kann: Die schwarzen Streifen lassen sich einzeln aufstellen, während die weißen flach liegen bleiben.

Beide Befunde können zutreffen. Ein Fass schwitzt nicht und kann keine Haare aufstellen. Zwei Zebras sind andererseits eine sehr kleine Stichprobe, und ein Temperaturunterschied auf der Haut ist noch kein Nachweis, dass das Tier dadurch kühler bleibt. Genau das hat bisher niemand gezeigt.

Die Frage, an der alle Theorien hängen

Ein Übersichtsartikel von Hamish Ireland und Graeme Ruxton fasste den Stand 2025 in Biological Reviews zusammen. Die Abwehr blutsaugender Fliegen sei die Theorie mit der derzeit stärksten empirischen Unterstützung, aber alle vorhandenen Theorien hätten Mühe, sämtliche Aspekte der Streifenvariation zu erklären.

Die unangenehmste offene Frage ist dabei die einfachste. In derselben Savanne, geplagt von denselben Fliegen, leben Gnus, Kudus und Büffel. Keines dieser Tiere trägt eine Zeichnung wie das Zebra: kontrastreich, schmal und über den ganzen Körper verteilt. Ireland und Ruxton nennen als möglichen Ausweg eine Signalfunktion zwischen Arten, halten aber ausdrücklich fest, dass diese Idee bisher nicht empirisch überprüft wurde. Unbeantwortet ist die Frage also nicht, aber unbelegt.

Fun Facts über Zebras

Häufige Fragen

Tarnen Zebrastreifen im hohen Gras?
Nach heutigem Stand sehr wahrscheinlich nicht. Löwen und Hyänen können die Streifen erst aus einer Entfernung auflösen, auf der sie das Zebra ohnehin schon bemerkt haben. Auf größere Distanz sehen sie nur eine gleichmäßige Fläche.
Ist die Bremsen-Erklärung damit bewiesen?
Der Effekt ist gut belegt, mehrfach und mit unterschiedlichen Methoden. Bewiesen im strengen Sinn ist er nicht, und mindestens eine große Studie von 2015 findet ihn gar nicht. Der Mechanismus dahinter ist ebenfalls offen: Die führende Arbeitsgruppe hat ihre eigene Erklärung 2020 verworfen.
Warum sind dann nicht alle Savannentiere so gestreift?
Das ist die Frage, an der alle Theorien arbeiten. Ein Übersichtsartikel von 2025 nennt eine mögliche Signalfunktion zwischen Arten, betont aber, dass sie bisher nicht überprüft wurde.
Auf den Punkt: Die Antwort, die jeder kennt, gilt als sehr unwahrscheinlich. Die Antwort mit der besten experimentellen Grundlage ist überraschender: Es geht weniger um Löwen als um Insekten. Und die ehrlichste Auskunft ist, dass die Forschung zwar ziemlich genau weiß, dass Streifen Bremsen abhalten, aber nicht, warum, und dass eine große Vergleichsstudie sogar bestreitet, dass es die Fliegen sind. Wer das nächste Mal eine Doku sieht, in der das mit der Tarnung erzählt wird, weiß jetzt mehr als die Doku. Passend dazu: Warum sich Merkmale wie Streifen überhaupt durchsetzen, ist eine Frage der Selektion. Testen kannst du das im Evolution-Quiz.
Quellen
  • Caro, Izzo, Reiner Jr, Walker, Stankowich: The function of zebra stripes. Nature Communications 5:3535, 1. April 2014. nature.com
  • Larison, Harrigan, Thomassen, Rubenstein, Chan-Golston, Li, Smith: How the zebra got its stripes: a problem with too many solutions. Royal Society Open Science 2:140452, 2015.
  • Melin, Kline, Hiramatsu, Caro: Zebra Stripes through the Eyes of Their Predators, Zebras, and Humans. PLOS ONE 11(1):e0145679, 22. Januar 2016. journals.plos.org
  • Horváth, Pereszlényi, Száz, Barta, Jánosi, Gerics, Åkesson: Experimental evidence that stripes do not cool zebras. Scientific Reports 8:9351, 19. Juni 2018. nature.com
  • Caro u. a.: Benefits of zebra stripes: Behaviour of tabanid flies around zebras and horses. PLOS ONE 14(2):e0210831, 20. Februar 2019. journals.plos.org
  • Cobb, Cobb: Do zebra stripes influence thermoregulation? Journal of Natural History 53(13-14):863-879, 2019.
  • Kojima u. a.: Cows painted with zebra-like striping can avoid biting fly attack. PLOS ONE 14(10):e0223447, 3. Oktober 2019. journals.plos.org
  • How, Gonzales, Irwin, Caro: Zebra stripes, tabanid biting flies and the aperture effect. Proceedings of the Royal Society B 287:20201521, 2020.
  • Caro: Zebra stripes. Current Biology 30(17):R973-R974, 2020.
  • Ireland, Ruxton: Zebra stripes: the questions raised by the answers. Biological Reviews 100(6):2660-2680, 2025.

Stand: 15. September 2026. Alle Zahlen stammen aus den oben genannten Originalarbeiten, nicht aus Berichterstattung darüber. Wo sich Studien widersprechen, steht der Widerspruch im Text.