Fünf. So steht es im Schulbuch, so sagt es jeder. Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Tasten.
Die Zahl ist rund 2.400 Jahre alt, sie stammt von einem Philosophen, und sie wurde nicht gemessen, sondern hergeleitet. Aus einer Theorie über die vier Elemente. In der Liste fehlen der Gleichgewichtssinn, die Wahrnehmung der eigenen Körperhaltung, der Temperatursinn, der Schmerz und alles, was der Körper über seinen eigenen Innenzustand meldet.
Die ehrliche Antwort auf die Frage nach der Zahl ist allerdings nicht „viel mehr als fünf“. Sie lautet: Es gibt keine.
Woher die Fünf kommt
Die Stelle lässt sich genau angeben: Aristoteles, Über die Seele, drittes Buch, erstes Kapitel, in der üblichen Zählung Bekker 424b22. Der Satz, mit dem das Kapitel beginnt, lautet in der Oxford-Übersetzung:
„That there is no sixth sense in addition to the five enumerated, sight, hearing, smell, taste, touch, may be established by the following considerations.“
Aristoteles behauptet also nicht nur, dass es fünf Sinne gibt. Er argumentiert, dass es keinen sechsten geben kann. Und das Argument ist bemerkenswert: Sinnesorgane bestünden im Wesentlichen aus zwei der vier Elemente, aus Luft und Wasser. Die Pupille sei aus Wasser, das Hörorgan aus Luft. Erde komme in keinem Organ vor oder allenfalls als Beimischung beim Tastsinn. Und weiter: wenn es kein fünftes Element gebe und keine Eigenschaft außer denen der vier Elemente, dann könne kein Sinn fehlen.
Das ist eine Ableitung aus einer Naturlehre, die es nicht mehr gibt. Sie wurde nie am Menschen überprüft. Trotzdem steht ihr Ergebnis bis heute in jedem Grundschulbuch.
Was in der Liste fehlt
Fünf Systeme, die keinem der klassischen fünf Sinne zuzuordnen sind.
Der Gleichgewichtssinn. Im Innenohr sitzen zwei getrennte Apparate: die Bogengänge, die Drehbeschleunigung messen, und die Otolithenorgane, die auf lineare Beschleunigung und Schwerkraft reagieren. Das Standardlehrbuch Neuroscience von Purves und Kollegen beschreibt den Apparat als miniaturisierten Beschleunigungsmesser und Trägheitsnavigationssystem. Er hat eigene Rezeptorzellen und einen eigenen Hirnnerv.
Die Propriozeption. Der Name heißt sinngemäß „Rezeptoren für das Selbst“. Ihr Zweck ist es, laut demselben Lehrbuch, fortlaufend und detailliert über die Lage der Gliedmaßen und anderer Körperteile im Raum zu informieren. Zwei Rezeptortypen teilen sich die Arbeit: Muskelspindeln melden die Muskellänge, also wie stark ein Muskel gedehnt ist. Golgi-Sehnenorgane melden die Muskelspannung. Länge und Spannung, zwei verschiedene Messgrößen, zwei verschiedene Sensoren.
Der Temperatursinn. Er läuft über eine Familie von Ionenkanälen, die TRP-Kanäle, die bei verschiedenen Schwellen öffnen. TRPV1 reagiert auf Hitze oberhalb von etwa 43 Grad, TRPM8 auf Kühle bei etwa 25 bis 28 Grad. Die Temperaturangaben stammen aus einer Übersicht von Makoto Tominaga von 2007; einzelne Zuordnungen waren schon dort strittig. Tominaga schreibt selbst, eine andere Arbeitsgruppe habe die Kälteempfindlichkeit von TRPA1 nicht reproduzieren können.
Der Schmerz. Nozizeptoren sind, anders als die anderen genannten, auffällig unspezialisierte Nervenendigungen. Interessant ist die Geschwindigkeit: Die myelinisierten Aδ-Fasern leiten mit rund 20 Metern pro Sekunde, die unmyelinisierten C-Fasern mit weniger als zwei. Das ist der Grund, warum man sich erst sticht und den dumpfen Schmerz danach bekommt. Zwei Systeme, zwei Ankunftszeiten.
Die Interozeption. Der am wenigsten bekannte Posten auf der Liste, und der größte. Eine Übersichtsarbeit von Sahib Khalsa und Kollegen definiert sie 2018 als den Prozess, mit dem das Nervensystem Signale aus dem Körperinneren wahrnimmt, deutet und zusammenführt. Darunter fallen Hunger, Durst, Harndrang, der eigene Herzschlag, Luftnot, der Zustand des Magen-Darm-Trakts. Alles, was der Körper über sich selbst meldet.
Der Test dauert zwei Sekunden
Augen zu. Arm ausstrecken. Zeigefinger an die Nasenspitze.
Das funktioniert, ohne hinzusehen und ohne dass irgendetwas den Arm berührt hätte. Welcher der fünf Sinne war das? Keiner. Es war die Propriozeption, und sie steht in keinem Schulbuch, das die Fünferliste aufzählt.
Und jetzt die Zahl
Hier wird es interessant, denn die Uneinigkeit hat keinen Messfehler als Ursache. Sie ist ein Definitionsproblem.
Die Philosophin Fiona Macpherson hat 2011 zusammengetragen, wonach man Sinne überhaupt unterscheiden kann. Es gibt vier gebräuchliche Kriterien: nach den wahrgenommenen Eigenschaften, nach der Erlebnisqualität, nach der Art des physikalischen Reizes und nach dem Sinnesorgan. Ihr Befund: Die vier Kriterien ziehen in verschiedene Richtungen, wenn man damit bestimmen will, um welche Art von Sinn es sich handelt. Macpherson zieht daraus allerdings nicht den Schluss, dass die Frage unbeantwortbar sei. Sie schlägt vor, sich gar nicht für ein Kriterium zu entscheiden, sondern alle vier als Achsen eines mehrdimensionalen Raums zu benutzen, in dem sich Sinne verorten lassen, statt sie abzuzählen.
Was das praktisch bedeutet, sieht man an drei Zahlen aus drei Zählweisen.
| Zählweise | Ergebnis | Quelle |
|---|---|---|
| nach Rezeptorklassen | 6 Klassen | OpenStax, Anatomy and Physiology |
| nach Rezeptortypen einschließlich der Körpersinne | 9 | John M. Henshaw, A Tour of the Senses |
| nach Sinnesmodalitäten | bis zu 17 | OpenStax, Anatomy and Physiology |
Die sechs Rezeptorklassen sind Chemo-, Osmo-, Nozi-, Mechano-, Thermo- und Photorezeptoren. Das Lehrbuch nennt diese sechs Klassen, es nennt sie aber nirgends „sechs Sinne“. Henshaw kommt auf neun, weil er die Körpersinne einzeln mitzählt: die klassischen fünf plus Gleichgewicht, Körperlage, Temperatur und Schmerz. Die Siebzehn entstehen, wenn man die fünf großen Sinne in Untermodalitäten zerlegt; das Lehrbuch schreibt wörtlich, die Auflistung aller Sinnesmodalitäten könne „bis zu 17“ ergeben. Alle drei Zahlen sind richtig. Sie beantworten nur verschiedene Fragen.
Die Zahl 33 ist keine Studie
Seit Anfang 2026 kursiert eine andere Zahl: 33 Sinne. Sie taucht in Dutzenden Artikeln auf, und es lohnt sich, sie zurückzuverfolgen.
Der Ursprung ist ein Meinungsbeitrag des Philosophen Barry Smith, erschienen am 23. Dezember 2025 bei The Conversation und im Februar 2026 von Wissenschaftsportalen weiterverbreitet. Der entscheidende Satz darin lautet übersetzt: Sein langjähriger Mitarbeiter, Professor Charles Spence vom Crossmodal Laboratory in Oxford, habe ihm gesagt, seine neurowissenschaftlichen Kollegen glaubten, es seien irgendwo zwischen 22 und 33 Sinne.
Das ist eine wiedergegebene mündliche Einschätzung über die Vermutungen Dritter. Es gibt dazu keine Studie, keine Methode und keine Liste, welche 33 gemeint sein sollen. Wer die Zahl als Forschungsergebnis zitiert, zitiert eine Anekdote.
Was sich tatsächlich zählen lässt, und in welcher Einheit
Zahlen gibt es durchaus. Man muss nur dazusagen, was jeweils gezählt wird, denn die Einheiten sind von Sinn zu Sinn verschieden.
Sehen: drei Zapfentypen, mit Empfindlichkeitsmaxima bei rund 420, 530 und 560 Nanometern, dazu die Stäbchen für das Dämmerungssehen mit einem Maximum um 500 Nanometer. Farbe entsteht nicht aus diesen Zahlen, sondern daraus, wie stark die drei Zapfentypen bei einem bestimmten Licht jeweils antworten. Aus dem Verhältnis ihrer Erregungen, nicht aus dem Verhältnis ihrer Maxima.
Riechen: 387 funktionierende Rezeptorgene. Yoshihito Niimura und Masatoshi Nei zählten 2007 beim Menschen 802 Riechrezeptorgene. Davon sind 415 Pseudogene, also funktionslos, das sind 51,7 Prozent.
Der naheliegende Schluss, der Mensch rieche deshalb schlecht, ist allerdings falsch. John McGann hat 2017 in Science nachgezeichnet, dass diese Vorstellung nicht aus Messungen stammt, sondern aus einer Hypothese eines Anatomen des 19. Jahrhunderts über die Größe des Riechkolbens. McGanns Befund: Der menschliche Riechkolben ist absolut betrachtet groß und enthält ähnlich viele Neurone wie der anderer Säugetiere, und der Mensch riecht für manche Duftstoffe empfindlicher als Ratte oder Hund. Aus 387 statt 802 Genen folgt also keine schlechtere Nase.
Hören: rund 14.500 Haarzellen pro Innenohr. Etwa 3.500 innere in einer einzigen Reihe, dazu rund 11.000 äußere in drei bis vier Reihen. Die inneren sind die eigentlichen Sinneszellen, die äußeren wirken als Verstärker.
Schmecken: fünf, mit Streit an den Rändern. Süß, sauer, bitter, salzig und umami gelten als Standard. Fett wurde 2015 von Cordelia Running und Kollegen als sechste Qualität vorgeschlagen, unter dem Namen Oleogustus. Durchgesetzt hat sich der Vorschlag nicht. In einer Übersicht von Camille Pennaneach und Kollegen, 2025 in Chemical Senses erschienen, wird sogar Umami zusammen mit Fett, Kokumi und komplexen Kohlenhydraten unter „alimentäre Geschmäcker“ geführt, gekennzeichnet durch geringe wahrnehmbare Eigenständigkeit. Also nicht zu den Grundgeschmäckern im engeren Sinn gezählt.
Drei Behauptungen über Sinne, die nicht halten
Pheromone. Das Organ, das sie bei vielen Säugetieren wahrnimmt, ist das Vomeronasalorgan. Emily Liman und Catherine Dulac halten fest: Dass das TRPC2-Gen beim Menschen ein Pseudogen ist, ebenso wie die meisten vomeronasalen Rezeptoren der V1R-Familie, sei ein starker Beleg dafür, dass das menschliche Vomeronasalorgan rudimentär ist. Das gilt für alle Altweltaffen und Menschenaffen, nicht aber für Neuweltaffen.
Eine Billion Gerüche. 2014 erschien in Science eine viel zitierte Arbeit, der Mensch könne mehr als eine Billion Geruchsreize unterscheiden. 2015 nahmen Richard Gerkin und Jason Castro die Rechnung auseinander. Ihr Urteil: Die Behauptung sei das Ergebnis eines instabilen Schätzverfahrens, das aus denselben Daten nahezu jedes beliebige Ergebnis erzeugen könne. Ihr Schlusssatz: Es gebe keinen Beleg für die ursprüngliche Behauptung. Die Autoren der Originalarbeit haben widersprochen, allerdings in einem Preprint, das keine Begutachtung durchlaufen hat. Die Zahl steht bis heute in populären Texten.
Ein Magnetsinn. Eine EEG-Studie von 2019 fand einen Abfall der Alpha-Amplitude, wenn das Magnetfeld um die Versuchspersonen gedreht wurde. Und zwar, das ist die entscheidende Einschränkung, nur dann, wenn die senkrechte Komponente des Feldes nach unten zeigte, wie auf der Nordhalbkugel. Zeigte sie nach oben, blieb jede Reaktion aus. Die Personen selbst bemerkten nichts. Ein Sinnesorgan dafür ist bis heute nicht gefunden, und eine unabhängige Wiederholung der Studie ist nicht bekannt. Von einem Magnetsinn zu sprechen wäre verfrüht.
Und ein Sinn, von dem kaum jemand weiß
In behaarter Haut sitzt ein eigenes, langsames Berührungssystem: die C-taktilen Fasern. Sie sind unmyelinisierte Mechanorezeptoren mit niedriger Reizschwelle. Ihre Besonderheit: Sie melden nicht, was die Haut berührt hat, sondern wie angenehm es war.
Zwei Details machen sie interessant. Erstens reagieren sie am stärksten auf Reize, die sich mit ein bis zehn Zentimetern pro Sekunde bewegen. Das ist genau die Geschwindigkeit einer Streichelbewegung. Zweitens galt lange, dass sie in der unbehaarten Haut der Handflächen fehlen. Pawling und Kollegen schrieben 2017 noch, sie seien nie aus Nerven abgeleitet worden, die die Handflächenhaut versorgen.
2021 hat sich das geändert. Eine Gruppe um Roger H. Watkins hat mit Mikroneurographie am Mittel- und Speichennerv des Menschen doch C-taktile Fasern in der Handflächenhaut gefunden und drei davon einzeln beschrieben. Selten sind sie trotzdem: Auf achtzig myelinisierte Mechanorezeptoren kam in ihren Ableitungen eine C-taktile Faser, was einer rund siebenmal geringeren Innervationsdichte entspricht als in behaarter Haut. Die Autorinnen und Autoren schreiben selbst, welche Rolle diese wenigen Fasern in der Handfläche spielen, sei noch offen.
Bemerkenswert ist daran weniger die Zahl als der Vorgang. Ein Satz, der 2017 noch in Fachartikeln stand, war 2021 hinfällig. Nicht weil jemand ein besseres Messverfahren erfunden hätte, es war dasselbe Verfahren, sondern weil jemand mit dem alten lange genug an der richtigen Stelle gesucht hat. Genauso steht es um die Frage nach der Zahl der Sinne: Sie hängt nicht daran, wie der Mensch gebaut ist, sondern daran, was man bisher gemessen und wie man es sortiert hat.
Fun Facts über die menschlichen Sinne
Häufige Fragen
Wie viele Sinne hat der Mensch denn nun?
Woher kommt die Zahl fünf überhaupt?
Was ist der sechste Sinn?
Stimmt es, dass der Mensch eine Billion Gerüche unterscheiden kann?
Hat der Mensch einen Magnetsinn?
Passend dazu: Wie gut du deinen eigenen Körper kennst, kannst du im Körper-Quiz testen.
- Aristoteles: Über die Seele (De Anima), Buch III, Kapitel 1, Bekker 424b22 ff. Englische Übersetzung von J. A. Smith. classics.mit.edu
- OpenStax: Anatomy and Physiology, Kapitel 14.1 Sensory Perception. openstax.org
- Dale Purves u. a.: Neuroscience, 2. Auflage, Sinauer 2001, Kapitel Mechanoreceptors Specialized for Proprioception. ncbi.nlm.nih.gov
- Dale Purves u. a.: Neuroscience, 2. Auflage, Sinauer 2001, Kapitel The Vestibular System. ncbi.nlm.nih.gov
- Dale Purves u. a.: Neuroscience, 2. Auflage, Sinauer 2001, Kapitel Nociceptors sowie Two Kinds of Hair Cells in the Cochlea. ncbi.nlm.nih.gov
- Fiona Macpherson: Taxonomising the senses. Philosophical Studies 153(1):123-142, 2011. link.springer.com
- John M. Henshaw: A Tour of the Senses. How Your Brain Interprets the World. Johns Hopkins University Press, 2012.
- Makoto Tominaga: The Role of TRP Channels in Thermosensation. In: Liedtke, Heller (Hrsg.): TRP Ion Channel Function in Sensory Transduction and Cellular Signaling Cascades, CRC Press, 2007. ncbi.nlm.nih.gov
- John P. McGann: Poor human olfaction is a 19th-century myth. Science 356(6338):eaam7263, 2017. doi.org
- Jonathan Ashmore: Cochlear outer hair cell motility. Physiological Reviews 88(1):173-210, 2008. Zahl der inneren und äußeren Haarzellen. doi.org
- Webvision, University of Utah: Photoreceptors. Empfindlichkeitsmaxima der Zapfen nach Bowmaker und Dartnall, 1980. ncbi.nlm.nih.gov
- Cordelia A. Running, Bruce A. Craig, Richard D. Mattes: Oleogustus: The Unique Taste of Fat. Chemical Senses 40(7):507-516, 2015. doi.org
- Camille Pennaneach u. a.: Postoral receptors and alimentary taste: implications for energy intake and appetite. Chemical Senses 50:bjaf039, 2025. doi.org
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- Roger H. Watkins u. a.: Evidence for sparse C-tactile afferent innervation of glabrous human hand skin. Journal of Neurophysiology 125(1):232-237, 2021. doi.org
- Marcelo O. Magnasco, Andreas Keller, Leslie B. Vosshall: On the dimensionality of olfactory space. Preprint, bioRxiv 2015, nicht begutachtet. doi.org
- Connie X. Wang u. a.: Transduction of the Geomagnetic Field as Evidenced from Alpha-Band Activity in the Human Brain. eNeuro 6(2), 2019. eneuro.org
- Emily R. Liman, Catherine Dulac: TRPC2 and the Molecular Biology of Pheromone Detection in Mammals. In: Liedtke, Heller (Hrsg.): TRP Ion Channel Function in Sensory Transduction and Cellular Signaling Cascades, CRC Press, 2007. ncbi.nlm.nih.gov
- Barry C. Smith: Humans could have as many as 33 senses. The Conversation, 23. Dezember 2025. theconversation.com
Stand: 16. September 2026. Jede im Text genannte Zahl stammt aus einer der oben aufgeführten Arbeiten, nicht aus Berichterstattung darüber. Wo eine Angabe strittig ist oder eine Gegenposition existiert, steht sie im Text.