Erdkunde

Warum spricht man in Brasilien Portugiesisch? Nicht nur wegen Tordesillas

Titelbild von allgemeinwissen24: Warum spricht man in Brasilien Portugiesisch? Nicht nur wegen Tordesillas. Typografisches Motiv in der Farbe der Rubrik Erdkunde.

Die Standardantwort passt in einen Satz: weil eine Linie, die zwei Königreiche 1494 auf der Karte zogen, den östlichen Teil Südamerikas Portugal zusprach. Der Satz ist richtig und erklärt trotzdem nicht, was er zu erklären vorgibt. Denn in den ersten rund zweihundertfünfzig Jahren der Kolonie war Portugiesisch dort, wo es Zeugnisse darüber gibt, nicht die Sprache des Alltags.

Kurz erklärt: Der Vertrag von Tordesillas sprach Portugal 1494 den östlichen Teil Südamerikas zu, Cabrals Flotte sichtete 1500 die Küste. Gesprochen wurde in São Paulo und im Amazonasgebiet aber über zwei Jahrhunderte lang überwiegend eine língua geral, eine Verkehrssprache auf Tupi-Grundlage. Portugiesisch setzte sich erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts durch, durch ein Gesetz von 1757/58 und durch eine Einwanderungswelle, die die Bevölkerungszusammensetzung kippte.

Die Linie von 1494, und was im Vertrag wirklich steht

Am 7. Juni 1494 einigten sich Kastilien und Portugal in der kleinen Stadt Tordesillas darauf, den Atlantik zu teilen. In der englischen Fassung des Avalon Project der Yale Law School heißt es, eine Grenze solle von Pol zu Pol gezogen werden, und zwar in einer Entfernung von three hundred and seventy leagues west of the Cape Verde Islands, also 370 Leguas westlich der Kapverdischen Inseln.

Es sind Leguas, keine Meilen. Diese Verwechslung steht in vielen Nacherzählungen, auch in der früheren Fassung dieses Artikels. Eine Legua sind grob fünfeinhalb Kilometer, aber der Vertrag legt gerade nicht fest, wie man sie misst. Er sagt, die Strecke sei zu berechnen by degrees, or by any other manner as may be considered the best and readiest. Zwei Königreiche teilten eine halbe Welt und ließen offen, mit welchem Maß. Wo die Linie tatsächlich verlief, wusste deshalb jahrhundertelang niemand genau.

Kastilien ratifizierte am 2. Juli 1494, Portugal am 5. September.

Wusste Portugal schon, dass da Land ist?

Die päpstliche Bulle Inter caetera hatte ein Jahr zuvor 100 Leguas vorgesehen, gemessen westlich und südlich der Azoren und der Kapverden. Portugal bestand auf 370 westlich der Kapverden. Das ist auffällig, und ob João II. bereits von Land im Südwestatlantik wusste, ist Gegenstand einer ernsthaft diskutierten Hypothese.

Einer Hypothese, nicht eines Befunds. Die wissenschaftliche Enzyklopädie EHNE formuliert, eine Reihe von Indizien lege die Möglichkeit nahe, dass die Portugiesen schon 1493 von Land im Südatlantik wussten. Die Enzyklopädie der portugiesischen Expansion der Universidade Nova de Lisboa nennt zuerst einen nüchternen nautischen Grund für die Verschiebung: Auf dem Rückweg vom Kap der Guten Hoffnung mussten Segler einen weiten Bogen über die offene See fahren, eine volta ao largo. Erst danach folgt der vorsichtige Zusatz, es könne ebenso mit der vermuteten oder bekannten Existenz von Land im Südwestatlantik zusammenhängen.

Wer schreibt, Portugal habe es längst gewusst, geht über den Forschungsstand hinaus.

Cabral, 22. April 1500: erst die Sichtung, dann das Land

Am 22. April 1500 sichtete die Flotte des Pedro Álvares Cabral einen Landstreifen mit einem Berg darauf, den sie Monte Pascoal nannte. Die Flotte ankerte einige Leguas vor der Küste, am nächsten Tag sah man zum ersten Mal Menschen, und ein Beiboot unter Nicolau Coelho wurde zu ihnen geschickt. Am 26. April wurde zum ersten Mal auf brasilianischem Boden die Messe gefeiert. Am 2. Mai verließ die Flotte die Küste wieder und setzte ihre Fahrt nach Indien fort.

Der 22. April ist also das Datum der Sichtung, nicht der Landung. Beides wird oft in einen Satz gepackt.

Ob die Flotte zufällig dorthin geriet oder absichtlich, ist bis heute ungeklärt. Die Enzyklopädie der Universidade Nova de Lisboa stellt beide Lager nebeneinander: Die einen sehen eine ungeplante Westabweichung beim Umfahren der Kalmen, die anderen einen bewussten Kurswechsel. Als Argumente der Absichtsthese führt sie an, dass kein Unwetter dokumentiert ist, dass die Lage des Monte Pascoal auffällt und dass die Nachricht von der Entdeckung fast ein Jahr lang zurückgehalten wurde. Einen Konsens gibt es nicht.

Zweihundert Jahre lang wurde etwas anderes gesprochen

Es gab nicht eine língua geral, sondern zwei, und sie hatten verschiedene Wurzeln. Die amazonische entstand im 17. und 18. Jahrhundert im heutigen Maranhão und Pará aus dem Tupinambá und lebt heute als Nheengatu fort. Die paulistische ging aus der Sprache der Tupiniquim von São Vicente und der Hochebene von Piratininga hervor, die sich vom Tupinambá unterschied.

Beide waren mehr als Missionssprachen. Das Instituto Socioambiental schreibt, die língua geral sei von nahezu der gesamten Bevölkerung gesprochen worden, die zum kolonialen System gehörte, und sie sei bis ins 19. Jahrhundert Träger der Katechese und der portugiesischen wie luso-brasilianischen Politik gewesen. Der Sprachforscher Frederico Edelweiss formulierte 1969, in den ersten Jahrhunderten sei das Tupi für die Inbesitznahme des Landes weit wichtiger gewesen als das Portugiesische.

Eine Einschränkung gehört dazu: Die klaren zeitgenössischen Zeugnisse stammen aus São Paulo und aus dem Amazonasgebiet. Für den Nordosten, das wirtschaftliche Zentrum der Kolonie im 16. und 17. Jahrhundert, liefern die hier zitierten Quellen keine vergleichbaren Aussagen, und dort lebte ab dem 17. Jahrhundert auch eine große afrikanischstämmige Bevölkerung mit eigenen Sprachen. Die Aussage lautet also nicht, in ganz Brasilien sei Tupi gesprochen worden.

Zwei Zeugen aus erster Hand

Der Jesuit António Vieira schrieb 1694 über São Paulo, die Familien der Portugiesen und der Indianer seien heute so miteinander verbunden, dass Frauen und Kinder vertraut und häuslich aufwüchsen, und die Sprache, die in diesen Familien gesprochen werde, sei die der Indianer. Der Satz geht weiter, und dieser zweite Teil wird gern weggelassen: e a portugueza a vão os meninos aprender à escola, das Portugiesische lernen die Jungen in der Schule.

Das ist präziser als ein pauschales „man sprach kein Portugiesisch”. Es beschreibt zwei Sprachen mit verteilten Rollen: Tupi zu Hause, Portugiesisch in der Schule.

Vier Jahre später, 1698, berichtete der Gouverneur Artur de Sá e Meneses, der größte Teil jener Leute drücke sich in keiner anderen Sprache aus, vor allem die Frauen und alle Bediensteten. Er nennt auch, woran man es merkte: Der neue Vikar von São Paulo brauchte jemanden, der ihm dolmetschte.

Das stärkste Argument ist ein logisches, und es stammt von der Sprachwissenschaftlerin Lygia Maria Gonçalves Trouche: Wenn es einer Gesetzgebung über die Einführung der portugiesischen Sprache bedurfte, dann deshalb, weil diese nicht die geläufige Sprache in Brasilien war.

Das Gesetz, das die Sprache umstellte

Dieses Gesetz heißt Diretório dos Índios, ist auf den 3. Mai 1757 in Pará datiert und von Francisco Xavier de Mendonça Furtado unterzeichnet, dem Gouverneur von Grão-Pará e Maranhão und Bruder des Marquês de Pombal. Ein Alvará vom 17. August 1758 dehnte es auf ganz Brasilien aus. Aufgehoben wurde es am 12. Mai 1798.

Der entscheidende Paragraf ist der sechste. Er nennt die língua geral eine invenção verdadeiramente abominável, e diabólica, eine wahrhaft abscheuliche und teuflische Erfindung, die die Indigenen aller Mittel beraube, die sie zivilisieren könnten. Und er weist die Direktoren an, in keiner Weise zuzulassen, dass die Jungen und Mädchen, die zur Schule gehören, und alle unterrichtsfähigen Indigenen die eigene Sprache ihrer Nationen oder die sogenannte allgemeine gebrauchen, sondern einzig die portugiesische.

Ein Gesetz allein verschiebt keine Sprache

Im selben Zeitraum passierte etwas, das in den meisten Darstellungen fehlt. Das brasilianische Statistikamt IBGE schreibt, in den ersten zwei Jahrhunderten der Kolonisierung seien rund 100.000 Portugiesen nach Brasilien gekommen, im Jahresschnitt 500. Für den Zeitraum 1701 bis 1760 verzeichnet dieselbe Quelle 600.000, im Jahresschnitt 10.000.

Das ist rund das Sechsfache der beiden Jahrhunderte davor, zusammengedrängt in sechzig Jahre, angezogen vom Gold in Minas Gerais. Die Tabelle des IBGE ist an dieser Stelle nicht ganz eindeutig, weil eine Fußnote zwei Perioden zu einer Zahl zusammenfasst. Der Fließtext derselben Seite ist eindeutig, und er ist hier zitiert.

Trouche schreibt, 1798, als der Diretório aufgehoben wurde, habe das Portugiesische die brasilianischen Regionen unbestreitbar beherrscht, mit Ausnahme Amazoniens, wo vierzig Jahre zuvor noch der Tupi-Einfluss vorherrschte.

Welcher der beiden Faktoren schwerer wog, Gesetz oder Zuwanderung, quantifiziert keine der zitierten Quellen. Sie fielen in dasselbe halbe Jahrhundert.

Eine Kolonie ohne Druckerpresse

In Brasilien war der Buchdruck bis 1808 verboten, bis der portugiesische Hof nach Rio de Janeiro umzog. Erst dann entstand die erste Druckerei, die Impressão Régia. Eine unerlaubte Druckerei hatte es im 18. Jahrhundert gegeben, die Krone ließ sie schließen.

Drei Jahrhunderte Kolonie also ohne eine legale Druckerpresse, ohne gedruckte Zeitungen und ohne vor Ort gedruckte Schulbücher. Die Krone verordnete 1757 das Portugiesische und verbot bis 1808, es zu drucken.

Der Vertrag, der am Ende nicht mehr galt

Am 13. Januar 1750 schlossen beide Kronen den Vertrag von Madrid. Dessen Artikel 1 verwarf ausdrücklich die Bulle Inter caetera sowie die Verträge von Tordesillas und Saragossa als Rechtsgrundlage der Aufteilung. An ihre Stelle trat der tatsächliche Besitz, und der lag nach den Zügen der bandeirantes aus São Paulo weit westlich der alten Linie.

Ganz so glatt endet die Geschichte nicht. Madrid wurde 1761 durch die Konvention von El Pardo selbst wieder annulliert, und die Grenzregelung, die hielt, kam erst mit San Ildefonso 1777. Der Kern bleibt: Brasiliens heutige Ausdehnung beruht nicht auf der Linie von 1494, sondern darauf, dass beide Seiten sie als Rechtsgrundlage fallen ließen.

Und heute?

Die UNESCO nennt mehr als 265 Millionen Portugiesischsprecher weltweit und hält fest, dass Portugiesisch die meistgesprochene Sprache der Südhalbkugel ist. Brasilien hatte nach amtlicher IBGE-Schätzung zum 1. Juli 2025 rund 213,4 Millionen Einwohner. Daraus ergibt sich rechnerisch, dass etwa vier von fünf Portugiesischsprechern Brasilianer sind. Eine Quelle, die diesen Anteil selbst nennt, gibt es nicht, und die 265 Millionen schließen Zweitsprachler ein, also ist das eine Größenordnung und keine exakte Quote.

Verschwunden ist das Erbe der língua geral nicht. Der Zensus 2022 zählte in Brasilien 295 gesprochene indigene Sprachen, 2010 waren es 274. 433.980 Indigene ab fünf Jahren sprechen eine davon. Nheengatu, die Nachfolgesprache der amazonischen língua geral, hat 13.070 Sprecher, davon 5.482 in Städten. Das sind knapp 42 Prozent und damit der höchste Stadtanteil aller indigenen Sprachen Brasiliens.

Und seit dem Gesetz Nr. 145 vom 11. Dezember 2002 sind Nheengatu, Tukano und Baniwa in der Gemeinde São Gabriel da Cachoeira neben dem Portugiesischen ko-offiziell. Die Sprache, die 1757 als teuflische Erfindung verboten werden sollte, hat 245 Jahre später offiziellen Status zurückbekommen.

Fun Facts über Brasilien & Portugiesisch

Häufige Fragen

Warum spricht man in Brasilien nicht Spanisch?
Weil der Vertrag von Tordesillas 1494 die Grenze 370 Leguas westlich der Kapverden zog und der östliche Teil Südamerikas damit Portugal zufiel. Dass sich die portugiesische Sprache dort auch wirklich durchsetzte, ist eine andere Geschichte und passierte erst rund 250 Jahre später.
Wurde in Brasilien wirklich einmal mehr Tupi als Portugiesisch gesprochen?
Für São Paulo und das Amazonasgebiet sprechen die Zeugnisse dafür. Der Jesuit António Vieira berichtete 1694, in den Familien São Paulos werde die Sprache der Indianer gesprochen und das Portugiesische lernten die Jungen in der Schule. Gouverneur Artur de Sá e Meneses schrieb 1698, der größte Teil der Leute drücke sich in keiner anderen Sprache aus. Das stärkste Indiz ist das Gesetz von 1757 selbst: Man verordnet keine Sprache, die ohnehin gesprochen wird.
Wie viele indigene Sprachen gibt es in Brasilien heute noch?
Der Zensus 2022 zählte 295 gesprochene indigene Sprachen, gegenüber 274 im Zensus 2010. 433.980 Indigene ab fünf Jahren sprechen eine davon. Nheengatu hat 13.070 Sprecher und davon mit knapp 42 Prozent den höchsten Stadtanteil aller indigenen Sprachen des Landes.
Landete Cabral wirklich zufällig in Brasilien?
Das ist bis heute umstritten. Die eine Seite sieht eine ungeplante Westabweichung beim Umfahren der Kalmen, die andere einen bewussten Kurswechsel, möglicherweise auf geheimen Befehl. Es gibt keinen wissenschaftlichen Konsens, und wer eine der beiden Varianten als gesichert darstellt, geht über die Quellen hinaus.
Auf den Punkt: Tordesillas erklärt, warum Brasilien portugiesisch wurde, aber nicht, warum es portugiesisch spricht. Dazwischen liegen zweieinhalb Jahrhunderte, in denen die Verkehrssprache in São Paulo und am Amazonas auf Tupi aufbaute. Den Umschwung brachten zwei Dinge im selben halben Jahrhundert: 600.000 Einwanderer zwischen 1701 und 1760 und ein Gesetz von 1757, das die alte Verkehrssprache als teuflische Erfindung verbot. Und die Linie von 1494 war am Ende nicht einmal mehr die Rechtsgrundlage: 1750 ließen beide Kronen sie fallen.
Quellen
  • Vertrag von Tordesillas, 7. Juni 1494, englische Fassung des Avalon Project, Yale Law School: avalon.law.yale.edu
  • EHNE, Éric Schnakenbourg: The Treaty of Tordesillas, June 7, 1494. ehne.fr
  • Encyclopaedia of Portuguese Expansion, Universidade Nova de Lisboa: Tordesilla Treaty und Discovery of Brazil
  • Diretório que se deve observar nas Povoações dos Índios do Pará, e Maranhão, Pará, 3. Mai 1757, Transkription der Universidade de São Paulo (LEMAD): lemad.fflch.usp.br
  • Arquivo Nacional (Brasilien), Glossar-Eintrag Diretório dos Índios (Alvará vom 17.8.1758, Aufhebung am 12.5.1798) sowie Eintrag O Tratado de Madri (Annullierung 1761 durch die Konvention von El Pardo).
  • Lygia Maria Gonçalves Trouche: O Marquês de Pombal e a implantação da língua portuguesa no Brasil. filologia.org.br
  • Sérgio Buarque de Holanda: A língua-geral em São Paulo (1995), mit den Zitaten von António Vieira (1694) und Artur de Sá e Meneses (1698), Digitalisat der Biblioteca Digital Curt Nimuendajú: etnolinguistica.org
  • Frederico Edelweiss: Estudos Tupis e Tupi-Guaranis, Rio de Janeiro 1969.
  • Instituto Socioambiental, Povos Indígenas no Brasil: Línguas und Línguas gerais
  • IBGE, Brasil: 500 anos de povoamento, zur portugiesischen Einwanderung: ibge.gov.br
  • IBGE, Censo Demográfico 2022, Etnias e línguas indígenas, sowie Bevölkerungsschätzung zum 1.7.2025 (213.421.037).
  • UNESCO, World Portuguese Language Day: unesco.org
  • Randall Lesaffer, Oxford Public International Law: Erasing the Line: The Treaties of Madrid (1750) and San Ildefonso (1777).
  • Revista Pesquisa FAPESP: Printing heritage, zum Druckverbot bis 1808.
  • Repositório Brasileiro de Legislações Linguísticas, Lei n. 145/2002, São Gabriel da Cachoeira, 11.12.2002.

Stand: 15. September 2026. Alle Zahlen und Zitate stammen aus den oben genannten Quellen, nicht aus Berichterstattung darüber. Wo Quellen sich widersprechen oder etwas ungeklärt ist, steht das im Text.

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